Übelkeit und Erbrechen

Medizinal-Cannabis bei CINV | Facharztrubrik
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Klinische Relevanz

Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (CINV) zählen zu den belastendsten Nebenwirkungen onkologischer Therapien und haben direkte Auswirkungen auf Therapieadhärenz, Ernährungsstatus und Lebensqualität. Trotz erheblicher Fortschritte durch moderne Antiemetika bleibt CINV bei einem relevanten Patientenanteil unzureichend kontrolliert – vor allem in drei klinisch relevanten Subformen:

Verzögerte CINV
> 24 h nach Chemotherapie
Besonders schwer zu behandeln; NK1-Antagonisten wirken limitiert; häufig größte Patientenbelastung
Breakthrough-CINV
Refraktär trotz Antiemetika
Versagen etablierter Regime (5-HT3, NK1, Dexamethason); dringende Eskalation erforderlich
Antizipatorische CINV
Konditionierte Reaktion
Klassische Konditionierung; schlecht auf konventionelle Pharmakotherapie ansprechend

Cannabinoide stellen die historisch am frühesten validierte pharmakologische Intervention bei CINV dar. Die regulatorische Anerkennung erstreckt sich über Jahrzehnte:

1983
Nabilon (Cesamet®)
Zulassung UK; synthetisches THC-Analogon
1985
Dronabinol (Marinol®)
FDA-Zulassung für CINV
heute
Situation in Deutschland
Nabilon unterliegt dem BtmG; Dronabinol als Weichkapseln oder Tropfen verschreibungsfähig
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Pharmakologische Mechanismen

Das antiemetische Potenzial von Cannabinoiden beruht auf mehreren komplementären, teilweise synergistischen Wirkmechanismen:

CB1-Rezeptor · Hirnstamm
CB1
Hohe CB1-Dichte im dorsalen Vagalkomplex (Area postrema, NTS = Chemorezeptortriggerzone). THC-vermittelte CB1-Aktivierung hemmt via GABA-Interneurone die emetische Transmission und supprimiert vagale Afferenzen (Parker et al., 2011).
5-HT3-Antagonismus · Synergie
5-HT3
Cannabinoide hemmen direkt 5-HT3-Rezeptoren an intestinalen enterochromaffinen Zellen und im NTS (Barann et al., 2002). Erklärt die additive Wirksamkeit in Kombination mit klassischen 5-HT3-Antagonisten.
CBD · 5-HT1A-Modulation
5-HT1A
CBD moduliert 5-HT1A-Rezeptoren im Raphe-Nukleus (Rock & Parker, 2013). Antiemetisches Potenzial ohne CB1-Aktivierung → keine psychoaktiven Effekte; für Patienten mit Psychoserisiko relevant.
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Historische Entwicklung und frühe RCTs

Die antiemetische Wirksamkeit von Cannabinoiden wurde bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren in zahlreichen RCTs dokumentiert, als hochemetogene Regime (MOPP, MVAC) noch ohne effektive Antiemetika eingesetzt wurden. Diese historische Studienbasis ist für keine andere cannabinoide Indikation vergleichbar umfangreich.

Quantitativer Systematic Review 2001 · British Medical Journal
Cannabinoids for control of chemotherapy induced nausea and vomiting
BMJ | Tramèr MR, Carroll D, Campbell FA et al. | 30 RCTs | n = 1.366
NNT 6
Vollständige Kontrolle von Übelkeit vs. ältere Antiemetika (1. Generation)
NNT 8
Vollständige Kontrolle von Erbrechen vs. ältere Antiemetika (1. Generation)

Cannabinoide waren signifikant wirksamer als Antiemetika der 1. Generation (Metoclopramid, Chlorpromazin, Domperidon). Einschränkung: höhere Rate zentralnervöser UAW. Die Autoren schlossen mit dem Aufruf nach Vergleichsstudien mit modernen 5-HT3-Antagonisten.

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Neuere Studiendaten: Kombinations- und Vergleichsstudien

Machado Rocha et al. 2008 – Systematischer Review & Metaanalyse

Systematic Review & Meta-Analyse 2008 · Eur J Cancer Care
Therapeutic use of Cannabis sativa on CINV
European Journal of Cancer Care | 13 Studien | n = 1.289

Überlegenheit oraler Cannabinoide gegenüber Placebo und Antiemetika der 1. Generation bestätigt. Effektgröße besonders ausgeprägt bei:

  • Stark emetogener Chemotherapie (Cisplatin-basiert)
  • Verzögerter CINV (> 24 h nach Therapiegabe)
  • Patienten mit Versagen konventioneller Antiemetika

Meiri et al. 2007 – Dreiarmiger Vergleich (Kombinationstherapie)

Randomisierter kontrollierter Trial 2007 · Curr Med Res Opin
Dronabinol ± Ondansetron vs. Ondansetron allein bei verzögerter CINV
Current Medical Research and Opinion | 3 Therapiearme | dreiarmig, randomisiert
Arm A
Dronabinol allein
nicht unterlegen vs. Ondansetron
vs.
Arm B
Dronabinol + Ondansetron
vollständige Emesis-Kontrolle
vs.
Arm C
Ondansetron allein
Standardarm

Klinische Implikation: Dronabinol positioniert sich als wertvolle Kombinationsoption bei verzögerter CINV (Tag 2–5), einem Zeitfenster, in dem NK1-Antagonisten nicht immer verfügbar oder wirksam sind.

Duran et al. 2010 – THC:CBD-Oromukosalspray bei refraktärer CINV

Cross-over-RCT · doppelblind 2010 · Br J Clin Pharmacol
Oromucosal standardized cannabis extract in CINV
British Journal of Clinical Pharmacology | Patienten mit unzureichender Kontrolle unter 5-HT3-Regime

Beide primären Endpunkte (Übelkeits- und Erbrechenintensität) zeigten signifikante Verbesserungen gegenüber Placebo. Die oromukosale Applikationsform bietet einen praktischen Vorteil: rascherer Wirkungseintritt als perorale Formulierungen – klinisch bedeutsam, wenn aktives Erbrechen die orale Einnahme erschwert.

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Besondere klinische Situationen

🧠
Antizipatorische CINV
Präklinisch ist CB1-vermittelte Hemmung konditionierter emetischer Reaktionen belegt (Parker et al., 2011). Klinisch liegen begrenzte, aber konsistente Hinweise vor. Die anxiolytische Komponente von Cannabinoiden kann den konditionierten Triggerreiz zusätzlich dämpfen.
🤝
Palliativer Kontext
Bei therapierefraktärer CINV in palliativer Situation bieten inhalative oder sublinguale Applikationsformen den Vorteil raschen Wirkungseintritts. Die EAPC-Leitlinie zur Palliativmedizin nennt Cannabinoide explizit als Therapieoption in ausgewählten Fällen.
🍽️
Komorbide Anorexie / Kachexie
Der appetitanregende Effekt von THC (Dronabinol) ist klinisch gut dokumentiert und lässt sich bei onkologischen Patienten mit CINV-assoziierter Anorexie synergetisch nutzen – ein bedeutsamer Zusatznutzen gegenüber konventionellen Antiemetika.
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Leitlinienposition (aktuell)

Fachgesellschaft Empfehlung Therapielinie
MASCC/ESMORoila et al., 2016 Cannabinoide als Eskalationsoption bei refraktärer CINV nach Versagen von 5-HT3-Antagonisten, NK1-Antagonisten und Dexamethason 3. Linie
ASCOCINV-Leitlinie Dronabinol / Nabilon als Optionen für Breakthrough-CINV; Add-on oder alternative Eskalation Add-on / Alternativ
NCCNAntiemesis Guidelines Cannabinoide als alternative Therapieoption bei bestimmten Patientenprofilen Consult option
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Fazit für die Praxis

Cannabinoide – insbesondere Dronabinol – haben einen gesicherten, durch RCTs und Metaanalysen über Jahrzehnte belegten Platz in der antiemetischen Stufentherapie bei CINV. Ihre vorrangige klinische Rolle ist die Eskalations- und Kombinationsoption bei verzögerter und refraktärer CINV, wo moderne First-Line-Antiemetika nicht ausreichen. Der historisch einmalig umfangreiche Fundus klinischer Studien, ergänzt durch neuere Kombinationsdaten (Meiri et al.) und das mechanistisch begründete Synergiepotenzial mit 5-HT3-Antagonisten, verleiht dieser Indikation eine besondere wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.

Literatur

Referenzen

  1. 1 Tramèr MR, Carroll D, Campbell FA, et al. Cannabinoids for control of chemotherapy induced nausea and vomiting: quantitative systematic review. BMJ. 2001;323(7303):16–21.
  2. 2 Machado Rocha FC, Stefano SC, De Cassia Haiek R, et al. Therapeutic use of Cannabis sativa on chemotherapy-induced nausea and vomiting among cancer patients: systematic review and meta-analysis. Eur J Cancer Care. 2008;17(5):431–443.
  3. 3 Meiri E, Jhangiani H, Vredenburgh JJ, et al. Efficacy of dronabinol alone and in combination with ondansetron versus ondansetron alone for delayed chemotherapy-induced nausea and vomiting. Curr Med Res Opin. 2007;23(3):533–543.
  4. 4 Duran M, Pérez E, Abanades S, et al. Preliminary efficacy and safety of an oromucosal standardized cannabis extract in chemotherapy-induced nausea and vomiting. Br J Clin Pharmacol. 2010;70(5):656–663.
  5. 5 Parker LA, Rock EM, Limebeer CL. Regulation of nausea and vomiting by cannabinoids. Br J Pharmacol. 2011;163(7):1411–1422.
  6. 6 Barann M, Molderings G, Brüss M, et al. Direct inhibition by cannabinoids of human 5-HT3A receptors: probable involvement of an allosteric modulatory site. Br J Pharmacol. 2002;137(5):589–596.
  7. 7 Rock EM, Parker LA. Effect of low doses of cannabidiolic acid and ondansetron on LiCl-induced conditioned gaping in rats. Br J Pharmacol. 2013;169(3):685–692.
  8. 8 Roila F, Molassiotis A, Herrstedt J, et al. 2016 MASCC and ESMO guideline update for the prevention of chemotherapy- and radiotherapy-induced nausea and vomiting. Ann Oncol. 2016;27(Suppl 5):v119–v133.
Autor: Dr. Marc Sebastian Stoffel · Facharzt für Klinische Pharmakologie Stand: 2025 Ausschließlich für medizinisches Fachpersonal
Diese Inhalte richten sich ausschließlich an approbierte Ärztinnen und Ärzte und ersetzen keine individuelle ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung.