Multiple Sklerose

Medizinal-Cannabis bei MS-Spastizität | Facharztrubrik
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Klinische Relevanz: Spastizität als zentrales MS-Symptom

Spastizität ist eines der häufigsten und therapeutisch anspruchsvollsten Symptome der Multiplen Sklerose (MS). Sie tritt bei 60–80 % der MS-Patienten im Krankheitsverlauf auf und ist durch erhöhten Muskeltonus, schmerzhafte Spasmen, gestörte Willkürmotorik und nächtliche Krämpfe charakterisiert. Diese Symptomkonstellation führt zu erheblichen funktionellen Einschränkungen, chronischen Schmerzen, Schlafstörungen und einer deutlich reduzierten Lebensqualität.

Konventionelle Antispastika wie Baclofen, Tizanidin und Dantrolen zeigen bei einem erheblichen Anteil der Patienten unzureichende Wirksamkeit oder sind durch Sedierung, Muskelschwäche und – im Fall von Dantrolen – hepatotoxische Effekte limitiert. Der Bedarf an gut verträglichen Optionen für die therapierefraktäre MS-Spastizität ist entsprechend groß.

Das THC:CBD-Oromukosalspray Nabiximols (Sativex®) ist in Deutschland seit 2011 als erstes und bislang einziges cannabisbasiertes Fertigarzneimittel für die Behandlung der mittelschweren bis schweren therapierefraktären MS-Spastizität zugelassen – ein regulatorischer Meilenstein für die cannabinoide Medizin in Europa.

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Pathophysiologische Grundlagen

Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine nachgewiesene Rolle in der Regulierung des Muskeltonus und der spinalen Exzitabilität. CB1-Rezeptoren finden sich in hoher Dichte in den für motorische Kontrolle und Spastizitätsentstehung zentralen Strukturen:

🧠 Basalganglien Motorische Schaltkreise
🔵 Zerebellum Koordination & Tonus
📡 Motorischer Kortex Willkürmotorik
🦴 Rückenmark Spinale Reflexbögen

Baker et al. (2000) demonstrierten in einem wegweisenden Nature-Artikel, dass Cannabinoide in einem präklinischen EAE-Modell (Experimentelle Autoimmune Enzephalomyelitis, Tiermodell der MS) Spastizität und Tremor über CB1-Aktivierung signifikant reduzierten. Diese Befunde legten den Grundstein für die klinische Entwicklung von Nabiximols.

Zudem wurden in post-mortem-Studien bei MS-Patienten erhöhte Endocannabinoid-Spiegel in spastisch veränderten Rückenmarkssegmenten dokumentiert (Docagne et al., 2007) – interpretiert als kompensatorische Hochregulierung des endogenen ECS als neuroprotekcive Antwort auf neuroimmunologische Schädigung. Dieser Befund stützt die Rationale einer pharmakologischen ECS-Augmentation.

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Klinische Evidenz

Novotna et al. 2011 – Pivotale Phase-III-Zulassungsstudie

Phase-III-RCT · Enrichment-Design 2011 · Eur J Neurol
Nabiximols als Add-on bei therapierefraktärer MS-Spastizität
European Journal of Neurology | Zulassungsstudie für Sativex® (DE, AT, CH, UK u.a.)
Phase A · 4 Wochen · Offen
Initiale Responsebeurteilung
Alle Patienten erhalten Nabiximols. Identifikation initialer Responder (≥ 20 % NRS-Verbesserung).
→
Phase B · 12 Wochen · RCT
Randomisierter Vergleich
Responder aus Phase A → Nabiximols vs. Placebo, doppelblind.
Ergebnis: –1,30 NRS-Punkte (p = 0,0002)

Das Enrichment-Design spiegelt die in der klinischen Praxis empfohlene Responder-Strategie wider und erhöht dadurch die externe Validität für den Versorgungsalltag. Die Überlegenheit von Nabiximols gegenüber Placebo in Phase B ist statistisch hochsignifikant.

Collin et al. 2007 & 2010 – Weitere Phase-III-RCTs

Phase-III-RCTs 2007 & 2010
Cannabisbasiertes Medikament versus Placebo bei MS-Spastizität
Eur J Neurol 2007 (n = 189)  ·  Neurol Res 2010 (n = 337) | doppelblind, placebokontrolliert

Collin et al. (2007) dokumentierten signifikante Verbesserungen des Ashworth-Spasmus-Scores und der NRS für Spastizität unter cannabisbasiertem Spray gegenüber Placebo.

Collin et al. (2010) fokussierten auf Spasmusfrequenz und -schwere als primäre Endpunkte und bestätigten die Überlegenheit von Nabiximols gegenüber Placebo in beiden Dimensionen.

MOVE 2-Studie (Flachenecker et al. 2014) – Real-World-Evidenz aus Deutschland

Real-World-Studie 2014 · Eur Neurol
Nabiximols in der klinischen Praxis – multizentrische Beobachtungsstudie
European Neurology | n = 276 MS-Patienten in deutschen Behandlungszentren | 3 Monate
72 %
Klinisch relevante Spastizitätsreduktion (≥ 20 % NRS)
59 %
Signifikant verbesserte Schlafqualität (PSQI)

Erste umfassende deutsche Real-World-Daten unter Alltagsbedingungen. Gute allgemeine Verträglichkeit. Die Schlafverbesserung als sekundärer Endpunkt bestätigt einen direkten Zusatznutzen über die Spastizitätsreduktion hinaus.

Patti et al. 2016 – Systematischer Review Real-World-Evidenz

Systematischer Review 2016 · JNNP
Efficacy and safety of cannabinoid oromucosal spray for MS spasticity
Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry | 14 Real-World-Studien | n = 2.615

Die Übersicht bestätigte die Konsistenz der RCT-Ergebnisse unter Alltagsbedingungen: 67–80 % der behandelten Patienten zeigten eine klinisch bedeutsame Spastizitätsreduktion; die Verträglichkeit war über alle Kohorten hinweg insgesamt gut.

Wade et al. 2006 – Langzeitdaten (3 Jahre)

Open-label-Extension 2006 · Mult Scler
Long-term use of a cannabis-based medicine in multiple sclerosis
Multiple Sclerosis Journal | Beobachtungszeitraum bis 3 Jahre
3 J.
Erhalt der antispastischen Wirksamkeit ohne relevante Toleranzentwicklung Klinisch bedeutsam, da Langzeitanwendung konventioneller Antispastika häufig durch Toleranz- und Abhängigkeitsproblematiken limitiert ist.
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Verträglichkeitsprofil

Das Nebenwirkungsprofil von Nabiximols ist insgesamt als günstig einzustufen. Unerwünschte Ereignisse treten vorwiegend in der Titrationsphase auf und sind nach Dosisanpassung in der Regel rückläufig.

Häufige UAW (> 10 %)
  • Schwindel v. a. während Titration
    > 10 %
  • Fatigue
    > 10 %
  • Mundtrockenheit
    > 10 %
Seltene UAW (< 5 %)
  • Dysphorie < 5 %
  • Gedächtnisstörungen < 5 %
  • Psychotische Reaktionen insbes. bei vorbestehender psychiatrischer Vulnerabilität < 1 %
Ein substanzielles Missbrauchspotenzial wurde in den kontrollierten Zulassungsstudien nicht dokumentiert. Die Langzeitstudien (bis 3 Jahre, Wade et al., 2006) zeigten kein klinisch relevantes Suchtverhalten.
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Leitlinienempfehlungen

Leitlinie Empfehlung Evidenzgrad
ECTRIMS/EANMontalban et al., 2018 Nabiximols als Add-on bei therapierefraktärer MS-Spastizität, nach Versagen konventioneller Antispastika ▶ Grad A
AWMFLeitlinie MS, 2021 Nabiximols als Therapieoption bei mittelschwerer bis schwerer therapierefraktärer MS-Spastizität Empfehlung
NICEGroßbritannien, 2019 Nabiximols empfohlen bei ausgewählten therapierefraktären MS-Patienten mit Spastizität Empfehlung
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Fazit für die Praxis

Nabiximols/Sativex® ist das einzige cannabisbasierte Fertigarzneimittel in Deutschland mit einer behördlich anerkannten neurologischen Indikation. Die Evidenzbasis aus Phase-III-RCTs, internationalen Real-World-Registern und Langzeitdaten ist innerhalb der cannabinoiden Medizin herausragend – Grad-A-Empfehlung der ECTRIMS/EAN ist der höchste erreichbare Evidenzgrad.

Für neurologische Praxen und MS-Zentren ist Nabiximols ein unverzichtbares Werkzeug im Symptommanagement der therapierefraktären MS-Spastizität – nicht zuletzt, weil konventionelle Antispastika bei einem erheblichen Patientenanteil keine ausreichende Kontrolle erzielen und durch relevante Nebenwirkungen limitiert sind. Die klare Responder-Strategie (4-Wochen-Evaluation, ≥ 20 % NRS-Reduktion) ermöglicht eine rationale, leitliniengerechte Patientenselektion.

Literatur

Referenzen

  1. 1 Novotna A, Mares J, Ratcliffe S, et al. A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex®), as add-on therapy, in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis. Eur J Neurol. 2011;18(9):1122–1131.
  2. 2 Collin C, Davies P, Mutiboko IK, Ratcliffe S; Sativex Spasticity in MS Study Group. Randomized controlled trial of cannabis-based medicine in spasticity caused by multiple sclerosis. Eur J Neurol. 2007;14(3):290–296.
  3. 3 Collin C, Ehler E, Waberzinek G, et al. A double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of Sativex in subjects with symptoms of spasticity due to multiple sclerosis. Neurol Res. 2010;32(5):451–459.
  4. 4 Flachenecker P, Henze T, Zettl UK. Nabiximols (THC/CBD oromucosal spray, Sativex®) in clinical practice: results of a multicenter, non-interventional study (MOVE 2) in patients with multiple sclerosis spasticity. Eur Neurol. 2014;71(5–6):271–279.
  5. 5 Patti F, Messina S, Solaro C, et al. Efficacy and safety of cannabinoid oromucosal spray for multiple sclerosis spasticity. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2016;87(9):944–951.
  6. 6 Wade DT, Makela PM, House H, Bateman C, Robson P. Long-term use of a cannabis-based medicine in the treatment of spasticity and other symptoms in multiple sclerosis. Mult Scler. 2006;12(5):639–645.
  7. 7 Baker D, Pryce G, Croxford JL, et al. Cannabinoids control spasticity and tremor in a multiple sclerosis model. Nature. 2000;404(6773):84–87.
  8. 8 Docagne F, Muñetón V, Clemente D, et al. Excitotoxicity in a chronic model of multiple sclerosis: neuroprotective effects of cannabinoids through CB1 and CB2 receptor activation. Mol Cell Neurosci. 2007;34(4):551–561.
  9. 9 Montalban X, Gold R, Thompson AJ, et al. ECTRIMS/EAN guideline on the pharmacological treatment of people with multiple sclerosis. Eur J Neurol. 2018;25(2):215–237.
Autor: Dr. Marc Sebastian Stoffel · Facharzt für Klinische Pharmakologie Stand: 2025 Ausschließlich für medizinisches Fachpersonal
Diese Inhalte richten sich ausschließlich an approbierte Ärztinnen und Ärzte und ersetzen keine individuelle ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung.