Klinische Relevanz und Behandlungslücken
Therapierefraktäre Epilepsie – definiert als fehlende Anfallsfreiheit nach adäquatem Einsatz von mindestens zwei geeigneten Antiepileptika (ILAE-Konsensusdefinition, Kwan et al., 2010) – betrifft etwa 30 % aller Epilepsiepatienten und geht mit erheblicher Mortalität (SUDEP), psychiatrischen Komorbiditäten und massiv eingeschränkter Lebensqualität einher. Für zwei besonders schwerwiegende genetisch bedingte Syndrome mit frühem Manifestationsalter sind die Behandlungslücken trotz erweiterter Therapieoptionen nach wie vor erheblich:
- Beginn im 1. Lebensjahr; häufigste genetische Entwicklungsepilepsie
- Natriumkanal-Mutation (SCN1A) → GABAerger Neuronenverlust
- Erhöhte SUDEP-Rate; stark eingeschränkte kognitive Entwicklung
- Resistent gegen die meisten konventionellen Antiepileptika
- Multiple Anfallstypen; besonders tonische und atonische Sturzanfälle
- Charakteristisches EEG: <3 Hz slow spike-wave
- Ausgeprägte kognitive Beeinträchtigung; hohe Sturzgefahr
- Häufig multiple Vorbehandlungen ohne ausreichende Kontrolle
Die EMA erteilte 2019 die Zulassung für Cannabidiol (Epidyolex®) als Add-on-Therapie bei Anfällen im Rahmen des Dravet-Syndroms und des Lennox-Gastaut-Syndroms (ab dem 2. Lebensjahr), nachdem die FDA 2018 (als Epidiolex®) vorangegangen war. Es ist das erste pharmazeutisch reine, pflanzlich gewonnene Cannabisderivat mit behördlicher Epilepsie-Indikation.
Antikonvulsive Wirkmechanismen von CBD
Cannabidiol zeigt im Unterschied zu THC keine relevante Affinität zu CB1- oder CB2-Rezeptoren und entfaltet seine antikonvulsiven Effekte über fünf komplementäre, teilweise synergistische Mechanismen (Gaston & Friedman, 2017; Devinsky et al., 2014):
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1TRPV1-Antagonismus / DesensibilisierungHemmung exzitatorischer vanilloider TRPV1-Rezeptoren in hippokampalen und kortikalen Neuronen, die bei iktogener Übererregbarkeit aktiviert werden.
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2GPR55-AntagonismusHemmung des Orphan-Rezeptors GPR55 reduziert iktogene intrazelluläre Kalziumsignale und neuronale Synchronisierung – ein CB1-unabhängiger antikonvulsiver Pfad.
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3Modulation spannungsabhängiger NatriumkanäleCBD hemmt persistente und frühe spannungsabhängige Natriumströme – ein Wirkprinzip ähnlich klassischen Antiepileptika (Phenytoin, Lamotrigin), jedoch mit unterschiedlichem Bindungsprofil.
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4Adenosin-Reuptake-HemmungVerstärkung der endogenen antikonvulsiven Adenosin-Wirkung über Equilibrative Nukleosid-Transporter (ENT1-Hemmung); Adenosin supprimiert neuronale Entladungen.
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5Reduktion von NeuroinflammationVia PPARγ-Aktivierung reduziert CBD proinflammatorische Zytokine (IL-1β, TNF-α) und reaktive Astrogliose – beides Faktoren, die die iktogene Anfallsschwelle senken.
Klinische Evidenz: Pivotale Phase-III-Studien
GWPCARE1 – Dravet-Syndrom (Devinsky et al. 2017, NEJM)
| Endpunkt | CBD 20 mg/kg/d | Placebo | p-Wert |
|---|---|---|---|
| Medianer Rückgang konvulsiver Anfälle | 39 % | 13 % | < 0,001 |
| Anfallsfreiheit | 5 % | 0 % | — |
| Responder (≥ 50 % Anfallsreduktion) | 43 % | 27 % | 0,03 |
Begleitende Verbesserungen im globalen Therapieerfolg-Impressionsscore (CGI-I) durch Arzt und Eltern dokumentiert.
GWPCARE4 – Lennox-Gastaut-Syndrom (Thiele et al. 2018, Lancet)
GWPCARE3 – LGS, Dosisvergleich (Devinsky et al. 2018, NEJM)
Kein signifikanter Wirksamkeitsunterschied zwischen den beiden CBD-Dosierungen; beide überlegen gegenüber Placebo.
GWPCARE6 – Tuberöse Sklerose (Thiele et al. 2021, JAMA Neurol)
Pharmakokinetik und klinisch relevante Arzneimittelinteraktionen
Für den klinischen Epilepsiealltag sind folgende Wechselwirkungen essenziell zu berücksichtigen:
Leitlinienempfehlungen
| Fachgesellschaft | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| ILAEInternational League Against Epilepsy | CBD (Epidiolex®/Epidyolex®) als etablierte Add-on-Therapie bei Dravet-Syndrom und LGS; Zulassung als Wirksamkeitsnachweis anerkannt | ▶ Etabliert |
| AAN / AESAmerican Academy of Neurology / American Epilepsy Society | CBD mit Level-A-Evidenz für Dravet-Syndrom und LGS in den Practice Guidelines | ▶ Grad A |
| DGN / GNPDt. Gesellschaft für Neurologie / Neuropädiatrie | Epidyolex® als Therapieoption bei zugelassenen Epilepsiesyndromen in nationale Behandlungsempfehlungen integriert | Empfehlung |
Fazit für die Praxis
Cannabidiol (Epidyolex®) hat mit den pivotalen GWPCARE-Studien – publiziert im New England Journal of Medicine und im Lancet – eine neue pharmakologische Kategorie in der Antiepileptika-Landschaft etabliert. Die fünf antikonvulsiven Wirkmechanismen sind grundlegend verschieden von klassischen AEDs, was CBD auch dann wirksam macht, wenn multiple Vorbehandlungen versagt haben.
Für Neurologie- und Neuropädiatriepraxen, die schwere kindliche Epilepsiesyndrome betreuen, ist Epidyolex® ein essenzielles Werkzeug in der pharmakologischen Eskalationsstrategie. Die bekannten Interaktionen – insbesondere mit Clobazam (CYP2C19) und Valproat (Hepatotoxizität) – erfordern epileptologische Erfahrung und strukturiertes Monitoring, stellen aber keine Kontraindikation dar, sondern sind im klinischen Alltag gut beherrschbar.
Referenzen
- 1 Devinsky O, Cross JH, Laux L, et al. Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. N Engl J Med. 2017;376(21):2011–2020.
- 2 Thiele EA, Marsh ED, French JA, et al. Cannabidiol in patients with seizures associated with Lennox-Gastaut syndrome (GWPCARE4): a randomised, double-blind, placebo-controlled phase 3 trial. Lancet. 2018;391(10125):1085–1096.
- 3 Devinsky O, Patel AD, Cross JH, et al. Effect of Cannabidiol on Drop Seizures in the Lennox-Gastaut Syndrome. N Engl J Med. 2018;378(20):1888–1897.
- 4 Thiele EA, Bebin EM, Bhathal H, et al. Add-on cannabidiol treatment for drug-resistant seizures in tuberous sclerosis complex: a placebo-controlled randomized clinical trial. JAMA Neurol. 2021;78(3):285–292.
- 5 Gaston TE, Friedman D. Pharmacology of cannabinoids in the treatment of epilepsy. Epilepsy Behav. 2017;70(Pt B):313–318.
- 6 Devinsky O, Cilio MR, Cross H, et al. Cannabidiol: Pharmacology and potential therapeutic role in epilepsy and other neuropsychiatric disorders. Epilepsia. 2014;55(6):791–802.
- 7 Perucca E. Cannabinoids in the treatment of epilepsy: hard evidence at last? J Epilepsy Res. 2017;7(2):61–76.
- 8 Kwan P, Arzimanoglou A, Berg AT, et al. Definition of drug resistant epilepsy: consensus proposal by the ad hoc Task Force of the ILAE Commission on Therapeutic Strategies. Epilepsia. 2010;51(6):1069–1077.