Klinische Relevanz
Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (CINV) zählen zu den belastendsten Nebenwirkungen onkologischer Therapien und haben direkte Auswirkungen auf Therapieadhärenz, Ernährungsstatus und Lebensqualität. Trotz erheblicher Fortschritte durch moderne Antiemetika bleibt CINV bei einem relevanten Patientenanteil unzureichend kontrolliert – vor allem in drei klinisch relevanten Subformen:
Cannabinoide stellen die historisch am frühesten validierte pharmakologische Intervention bei CINV dar. Die regulatorische Anerkennung erstreckt sich über Jahrzehnte:
Pharmakologische Mechanismen
Das antiemetische Potenzial von Cannabinoiden beruht auf mehreren komplementären, teilweise synergistischen Wirkmechanismen:
Historische Entwicklung und frühe RCTs
Die antiemetische Wirksamkeit von Cannabinoiden wurde bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren in zahlreichen RCTs dokumentiert, als hochemetogene Regime (MOPP, MVAC) noch ohne effektive Antiemetika eingesetzt wurden. Diese historische Studienbasis ist für keine andere cannabinoide Indikation vergleichbar umfangreich.
Cannabinoide waren signifikant wirksamer als Antiemetika der 1. Generation (Metoclopramid, Chlorpromazin, Domperidon). Einschränkung: höhere Rate zentralnervöser UAW. Die Autoren schlossen mit dem Aufruf nach Vergleichsstudien mit modernen 5-HT3-Antagonisten.
Neuere Studiendaten: Kombinations- und Vergleichsstudien
Machado Rocha et al. 2008 – Systematischer Review & Metaanalyse
Überlegenheit oraler Cannabinoide gegenüber Placebo und Antiemetika der 1. Generation bestätigt. Effektgröße besonders ausgeprägt bei:
- Stark emetogener Chemotherapie (Cisplatin-basiert)
- Verzögerter CINV (> 24 h nach Therapiegabe)
- Patienten mit Versagen konventioneller Antiemetika
Meiri et al. 2007 – Dreiarmiger Vergleich (Kombinationstherapie)
Klinische Implikation: Dronabinol positioniert sich als wertvolle Kombinationsoption bei verzögerter CINV (Tag 2–5), einem Zeitfenster, in dem NK1-Antagonisten nicht immer verfügbar oder wirksam sind.
Duran et al. 2010 – THC:CBD-Oromukosalspray bei refraktärer CINV
Beide primären Endpunkte (Übelkeits- und Erbrechenintensität) zeigten signifikante Verbesserungen gegenüber Placebo. Die oromukosale Applikationsform bietet einen praktischen Vorteil: rascherer Wirkungseintritt als perorale Formulierungen – klinisch bedeutsam, wenn aktives Erbrechen die orale Einnahme erschwert.
Besondere klinische Situationen
Leitlinienposition (aktuell)
| Fachgesellschaft | Empfehlung | Therapielinie |
|---|---|---|
| MASCC/ESMORoila et al., 2016 | Cannabinoide als Eskalationsoption bei refraktärer CINV nach Versagen von 5-HT3-Antagonisten, NK1-Antagonisten und Dexamethason | 3. Linie |
| ASCOCINV-Leitlinie | Dronabinol / Nabilon als Optionen für Breakthrough-CINV; Add-on oder alternative Eskalation | Add-on / Alternativ |
| NCCNAntiemesis Guidelines | Cannabinoide als alternative Therapieoption bei bestimmten Patientenprofilen | Consult option |
Fazit für die Praxis
Cannabinoide – insbesondere Dronabinol – haben einen gesicherten, durch RCTs und Metaanalysen über Jahrzehnte belegten Platz in der antiemetischen Stufentherapie bei CINV. Ihre vorrangige klinische Rolle ist die Eskalations- und Kombinationsoption bei verzögerter und refraktärer CINV, wo moderne First-Line-Antiemetika nicht ausreichen. Der historisch einmalig umfangreiche Fundus klinischer Studien, ergänzt durch neuere Kombinationsdaten (Meiri et al.) und das mechanistisch begründete Synergiepotenzial mit 5-HT3-Antagonisten, verleiht dieser Indikation eine besondere wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.
Referenzen
- 1 Tramèr MR, Carroll D, Campbell FA, et al. Cannabinoids for control of chemotherapy induced nausea and vomiting: quantitative systematic review. BMJ. 2001;323(7303):16–21.
- 2 Machado Rocha FC, Stefano SC, De Cassia Haiek R, et al. Therapeutic use of Cannabis sativa on chemotherapy-induced nausea and vomiting among cancer patients: systematic review and meta-analysis. Eur J Cancer Care. 2008;17(5):431–443.
- 3 Meiri E, Jhangiani H, Vredenburgh JJ, et al. Efficacy of dronabinol alone and in combination with ondansetron versus ondansetron alone for delayed chemotherapy-induced nausea and vomiting. Curr Med Res Opin. 2007;23(3):533–543.
- 4 Duran M, Pérez E, Abanades S, et al. Preliminary efficacy and safety of an oromucosal standardized cannabis extract in chemotherapy-induced nausea and vomiting. Br J Clin Pharmacol. 2010;70(5):656–663.
- 5 Parker LA, Rock EM, Limebeer CL. Regulation of nausea and vomiting by cannabinoids. Br J Pharmacol. 2011;163(7):1411–1422.
- 6 Barann M, Molderings G, Brüss M, et al. Direct inhibition by cannabinoids of human 5-HT3A receptors: probable involvement of an allosteric modulatory site. Br J Pharmacol. 2002;137(5):589–596.
- 7 Rock EM, Parker LA. Effect of low doses of cannabidiolic acid and ondansetron on LiCl-induced conditioned gaping in rats. Br J Pharmacol. 2013;169(3):685–692.
- 8 Roila F, Molassiotis A, Herrstedt J, et al. 2016 MASCC and ESMO guideline update for the prevention of chemotherapy- and radiotherapy-induced nausea and vomiting. Ann Oncol. 2016;27(Suppl 5):v119–v133.